Gyn-Depesche 4/2012

Vaginale Entbindung versus Sectio

Wie sieht der Musculus levator ani kurz nach der Geburt aus?

Dies erkundeten mit dreidimensionalem Ultraschall Gynäkologen der Universität Mainz. Die Untersuchungen fanden 48 bis 72 Stunden nach der Entbindung statt. Der Einfluss vaginaler Entbindungen auf die Morphologie des Muskels ließ sich klar dokumentieren. Notfallmäßige Sectio schien nicht alle Folgen zu verhindern.

Die anatomische und funktionelle Integrität des Levator-ani-Muskels (LAM) ist essenziell für die Stützung der Beckenorgane. Während des ganzen Lebens verschließt er den Beckenboden. Während einer vaginalen Geburt wird er aber enorm gedehnt. Seine Beteiligung an Beckenbodenleiden wurde umfassend untersucht.

So kann nach einer Ultraschall-Studie bei Levator-Defekten das Risiko eines späteren Prolaps von Beckenorganen ungefähr verdoppelt sein. Eine Assoziation einer Avulsion (Abtrennung von der Beckenwand) mit Prolaps des anterioren oder zentralen Kompartiments wurde mit MRT bestätigt.

Andererseits ist immer noch nicht klar, welche Rolle die Integrität des LAM bei Blasendysfunktion spielt. Zwar wurde im Ultraschall eine schwache signifikante Assoziation zwischen Avulsion und Verschlechterung oder Neuentwicklung von Harninkontinenz drei Monate nach der Entbindung gefunden. Nach neueren Daten ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, an Stressinkontinenz zu leiden, bei Frauen mit einem größeren Levator-Defekt im MRT geringer. Ein Puborectalis­-Trauma im Ultraschall ist nicht mit einem höheren Risiko von Stressinkontinenz assoziiert. Bei der anorektalen Funktion fand sich ein schwacher Trend hin zu mehr fäkaler Inkontinenz bei Frauen mit LAM-Avulsion und Rissen des Analsphinkters, einem speziellen Kollektiv.

Ob und auf welchem Wege eine vaginale Entbindung für Morbidität am Beckenboden verantwortlich ist, wird weiterhin kontrovers diskutiert. Der Beckenboden wird zwar bei allen Frauen gedehnt, aber nicht alle werden verletzt. Die Latenz der Symptome und die multifaktorielle Ätiologie erleichtern das Verständnis der Rolle der vaginalen Geburt nicht.

In Mainz wurde nun 48 bis 72 Stunden nach der Entbindung bei 157 Frauen eine (schmerzlose) 3D-Sonographie des Perineums durchgeführt, nach 81 vaginalen Geburten (elf operativ) und nach 55 elektiven und 21 Notfall-Sectios. Alle biometrischen Zahlen des LAM-Hiatus waren nach vaginaler Geburt höher.

LAM-Defekte waren signifikant mit vaginaler Entbindung assoziiert; das relative Risiko war 7,5-fach höher als nach Sectio. Bei spontaner Geburt waren 27 Frauen betroffen (39,5%), nach operativer fünf (45,4%).

In vier Fällen fand sich auch ein Levator-Defekt nach Notfall-Sectio. Wird der Schaden am LAM nur durch die Passage des Kindes durch den Geburtskanal angerichtet, sollten elektive wie Notfall-Kaiserschnitte absoluten Schutz bieten. Die Autoren und ein Kommentator diskutieren die Befunde nach Schnitt­entbindung. Die Verfasser können nicht ausschließen, dass die Wehen selbst einen negativen Einfluss auf den Beckenboden haben. Sie halten eine Überprüfung ihrer Daten für höchst wünschenswert. SN


Quelle: Albrich SB et al. : Impact of mode of delivery on levator morphology: a prospective observational study with three-dimensional ultrasound early in the postpartum period, Zeitschrift: BJOG: British journal of obstetrics and gynaecology, Ausgabe 119 (2012), Seiten: 51-60


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