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Hören-Sagen versus Evidenz

Gyn-Depesche 1/2022

Antioxidanzien bei männlicher Infertilität

Oxidativer Stress gilt als einer der wichtigsten Ursachen für schlechte Samenqualität. Kann die Supplementierung von Antioxidanzien die Chance auf ein Baby erhöhen?
Man geht davon aus, dass eine Überproduktion von reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) bei 30 bis 80 % aller Fälle von männlicher Infertilität eine Rolle spielt. Aufgrund der hohen Konzentration von mehrfach ungesättigten Fettsäuren in ihrer Plasmamembran sind Spermatozoen besonders anfällig für oxidative Lipiddegradation. Darüber hinaus trägt oxidativer Stress zu einer erhöhten DNAFragmentierung bei. Diese wiederum beeinträchtigt die Samenmotilität und ist bei IVF-Behandlungen mit verringerten Fertilisationschancen, einer langsameren Embryoentwicklung, niedrigeren Implantations- und höheren Fehlgeburtsraten assoziiert. Als neue Bezeichnung für die bisher als idiopathisch klassifizierte Form der männlichen Infertilität mit übermäßiger ROS-Produktion wurde der Begriff „Male Oxidative Stress Infertility“ (MOSI) vorgeschlagen.
Tatsächlich belegen mehrere In-vivo- Studien, dass die Supplementation von Antioxidanzien wie Vitamin E oder C, Carnitin, Folsäure, Carotinoiden, Selen oder Zink die Motilität, Morphologie und Konzentration der Spermien verbessern kann. Zum Teil stieg auch die Schwangerschaftsrate. Positive Effekte ergaben sich sowohl bei der Verwendung von Einzelsubstanzen als auch bei Kombinationspräparaten. In einem systematischen Review von 19 randomisiert-kontrollierten und zehn prospektiven Studien fanden sich bei 26 eine geringere DNA-Fragmentierung, verbesserte Spermaparameter und/oder höhere Erfolgsraten nach ART.
Das Manko der meisten Studien war jedoch ihre geringe Teilnehmerzahl und ein heterogener Patientenpool. Da sich auch teilweise widersprüchliche Ergebnisse zeigten, gibt es bislang wenig Konsens über den Nutzen einer Antioxidanzien- Supplementation in der Behandlung der männlichen Infertilität – zumal über die optimale Zusammensetzung, Dosierung und Therapiedauer noch Unklarheit herrscht. Bekannt ist, dass sich eine exzessive Einnahme von Antioxidanzien bei Männern ohne MOSI sogar negativ auf die Fruchtbarkeit auswirken kann. Dieses Phänomen wird als „reduktiver Stress“ bezeichnet.
Von Bedeutung für den Erfolg einer Antioxidanziengabe könnte deshalb eine strenge Patientenselektion sein. In einer 2019 veröffentlichten Studie ergab sich nach dreimonatiger Einnahme eines kommerziell erhältlichen Kombipräparats bei 148 Männern mit MOSI eine signifikante Verbesserung der Spermaqualität und eine 40%ige Reduktion der DNAFragmentierung ohne unerwünschte Nebenwirkungen. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Supplementation von Antioxidanzien bei einer sorgfältigen Auswahl der Patienten eine sichere und effektive Möglichkeit darstellt, die Fortpflanzungschance zu erhöhen und ARTBehandlungen zu reduzieren. CW
Quelle: Ali M et al.: Are antioxidants a viable treatment option for male infertility? Andrologia 2020; doi: 10.1111/and.13644
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