Stressinkontinenz | Gyn-Depesche 3/2019

Beugt Sectio bei Zwillingen vor?

Die Entbindung bedeutet eine hohe Belastung für den weiblichen Beckenboden. Es kann zu Urin-, fäkaler und flataler Inkontinenz kommen. Geburtsstudien mit Zwillingen lassen vermuten, dass eine Sectio das Risiko senken an.

Eine kanadische Arbeitsgruppe hatte in ihrer Twin Birth Study Frauen mit Zwillingsschwangerschaft in der 32. bis 38. SSW (mit dem führenden Fetus in Kopflage) auf eine Sectio oder auf eine natürliche Entbindung randomisiert.
Beim primären Beurteilungskriterium, dem Schicksal des Feten bzw. Neugeborenen, gab es keinen signifikanten Unterschied. Drei Monate post partum litten aber signifikant weniger Frauen der Sectio-Gruppe an Stressinkontinenz (11,3 vs. 15,3 %). Das Risiko einer „problematischen“ Harninkontinenz war hingegen vergleichbar.
Mittels Fragebögen analysierte man, ob sich zwei Jahre nach der Entbindung die Inzidenzen „problematischer“ Harn-, fäkaler oder flataler Inkontinenz immer noch nicht unterschieden. In die Erhebung flossen die Angaben von 2.305 der ursprünglich 2.804 Teilnehmerinnen ein. In der Gruppe mit Sectio wurde nun eine signifikant niedrigere Häufigkeit von belastender Harninkontinenz angegeben als in der ohne (8,11 vs. 12,25 %). Wurden die Frauen mit problematischer Harninkontinenz nach ihrer Lebensqualität befragt (Incontinence Impact Questionnaire), ergab sich wiederum kein wesentlicher Unterschied. Vergleichbar waren auch die Angaben zu fäkaler oder flataler Inkontinenz.
 
Offene Fragen
Die Autoren resümieren, dass bei Frauen ohne frühere Inkontinenz mittels geplanter Sectio die Häufigkeit von problematischer Stressinkontinenz zwei Jahre postpartal reduziert wird. Der Schweregrad einer solchen Komplikation korreliert allerdings nicht eindeutig mit der Art der Entbindung.
Es bleibt offen, ob sich die Ergebnisse der Studie (und die einer anderen der Autorengruppe, das „Term Breech Trial“) auf unkomplizierte Einlingsschwangerschaften mit Kopflage des Feten übertragen lassen. Die Daten liefern keine Basis dafür, Frauen zur Sectio zu raten, um dadurch einer Stessinkontinenz vorzubeugen. WE

Kein Argument für eine Sectio

Bei der Entscheidung für oder gegen eine Sectio muss an deren kurz- und langfristige Risiken gedacht werden. Nachfolgende Schwangerschaften werden durch ein erhöhtes Risiko für Fehl- und Totgeburten, für Placenta praevia und accreta sowie Abruptio belastet. Bei den Feten kommen vermehrt Asthma und Adipositas vor. Die number needed to treat (NNT) hinsichtlich einer Inkontinenz-Verhinderung liegt bei neun oder höher. Die kanadische Studie liefert keine Argumente für eine Bevorzugung der Sectio.

Quelle:

Hutton K et al.: Urinary stress incontinence and other maternal outcomes 2 years after caesarean or vaginal birth ... BJOG 2018; 125: 1682-90

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