Einbildung oder Realität? | Gyn-Depesche 4/2019

Dem „Juli-Effekt“ auf der Spur

Zu Beginn des akademischen Jahres herrscht an den meisten Kliniken ein reger Personalwechsel: Bereits eingelerntes ärztliches Personal steigt in höhere Positionen auf, neue und unerfahrenere Studenten und Auszubildende rücken nach. Geht diese Umbruchszeit mit einem verringerten Operationserfolg und einem erhöhten Komplikationsrisiko einher, ist vom so genannten „Juli-Effekt“ die Rede. Inwieweit die Gynäkologie von diesem Phänomen betroffen ist, zeigt eine aktuelle Studie aus den USA.
Ob es bei Durchführung gynäkologischer Eingriffe saisonale Unterschiede hinsichtlich des perioperativen Komplikationsrisikos gibt, untersuchten Experten in einer retrospektiven Studie anhand von 6311 Hysterektomien, die in dem US-Bundesstaat Maryland zwischen 2012 und 2015 an 20 akademischen Einrichtungen durchgeführt worden waren.
Dazu wurden die zu Beginn des akademischen Jahres erhobenen Patientendaten (Juli bis September) mit den Daten des restlichen Jahres verglichen.
Die Studie lieferte keine Hinweise auf das Vorliegen eines „Juli-Effekts“ in akademischen Kliniken. Im Vergleich zu Patientinnen, die zwischen September und Juli einer Hysterektomie unterzogen wurden, trugen die in den Sommermonaten behandelten Patientinnen kein erhöhtes Risiko für die häufigsten Komplikationen einer Hysterektomie, darunter Bluttransfusionen, Darmverschluss, Blutungen, akute Niereninsuffizienz und Wundinfektionen (OR 0,87; 95 % KI 0,75 - 1,01) davon.
Darüber hinaus wurden keine saisonalen Unterschiede hinsichtlich der Dauer des Klinikaufenthalts sowie der Rehospitalisierungsrate festgestellt. Das galt auch unter statistischer Berücksichtigung operationstechnischer Variablen, patientenbezogener Faktoren, benigner vs. maligner Indikationen sowie der Auslastung des Operateurs.
Ob es das Phänomen des „Juli-Effekt“ in anderen medizinischen Fachbereichen tatsächlich gibt, ist umstritten und die bisherige Datenlage sehr heterogen. Die Autoren argumentieren, dass die Unerfahrenheit des neuen ärztlichen Personals in vielen Fällen durch einen überdurchschnittlich hohen Grad an Motivation und Leistungsbereitschaft nivelliert wird. Möglicherweise tragen auch im Voraus angebotene Crash-Kurse zu einer verbesserten Vorbereitung der medizinischen Neulinge bei.
Weitere Untersuchungen sind jedoch notwendig, um einem möglichen „Juli-Effekt“ bei Hysterektomien auf den Grund zu gehen. Kliniken sollten jedoch weiterhin für eine gute chirurgische Qualifizierung des neuen Fachpersonals sorgen, um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. RG
Quelle: Varma S et al.: Is there evidence of a July effect among patients undergoing hysterectomy surgery? Am J Obstet Gynecol 2018; 219(2): 176.e1-176

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