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Gyn-Depesche 2/2021

Die Grenzen des Spermiogramms

In der Diagnostik der männlichen Infertilität ist die herkömmliche Ejakulatanalyse weiterhin Goldstandard. Allerdings gibt es mittlerweile moderne Testmethoden, die eine umfassendere Beurteilung der Spermienqualität und -funktion erlauben.
Das konventionelle Spermiogramm bildet einen Eckpfeiler der initialen Beurteilung der männlichen Fruchtbarkeit. Die aktuellen durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierten Referenzwerte basieren auf den Spermienparametern von knapp 2.000 fertilen Männern aus der ganzen Welt. Die aus dieser statistischen Analyse entstandenen Grenzwerte wurden jedoch vielfach kritisiert und schon 1997 hatte eine prospektive Studie belegt, dass einzelne Spermienqualitätsparameter nur ein geringes diagnostisches Potenzial besitzen – erst in Kombination ergab sich ein höherer klinischer Nutzen bei der Differenzierung fertiler und subfertiler Männer. Problematisch ist zudem, dass die Spermienanalyse in zahlreichen Laboren nicht entsprechend den Richtlinien der WHO erfolgt, weshalb viele Kinderwunschkliniken mittlerweile auf computergestützte Spermienanalysesysteme setzen.
Ein Fragmentierungstest der Spermien- DNA ermöglicht – im Gegensatz zu den herkömmlichen Parametern – eine Überprüfung der Spermienfunktionalität und damit eine umfassendere Beurteilung des Fertilitätsstatus. Obwohl die Genauigkeit der verfügbaren Analysemethoden in den letzten Jahren verbessert werden konnte, verhindern fehlende Standards und klare Schwellenwerte noch die breitere Anwendung. Eine weitere Option zur Untersuchung der Spermienfunktionalität ist die Messung des oxidativen Stresses, der in enger und potenziell kausaler Beziehung zu Schäden der Spermien-DNA steht. Zwar gibt es inzwischen entsprechende Tests mit bestätigtem diagnostischem Wert, diese werden aber wegen fehlender Daten aus randomisiert kontrollierten Studien von der European Association of Urology weiterhin als experimentell eingestuft. RG
Kommentar
Die Genauigkeit der durch die WHO definierten Spermienparameter wird unter anderem deshalb in Zweifel gezogen, da sie den weiblichen Faktor sowie natürliche biologische Unterschiede zwischen Männern unberücksichtigt lassen. Zudem fehlen Daten aus repräsentativen ethnischen Gruppen.
Quelle: Agarwal A et al.: Male infertility. Lancet 2021; 397(10271): 319-33
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