| Gyn-Depesche 4/2001

Dreimonatsspritze - sehr empfehlenswert

"Mehr Knochenbrüche durch Pille" lautete eine Schlagzeile, die auch die Gynäkologen in Aufruhr versetzt. Birgt die Anti-Baby-Pille, die 5,5 Millionen Frauen in Deutschland täglich nehmen, tatsächlich ein solches Risiko? Weissenbacher: Die jetzt diskutierten Ergebnisse sind vorläufig und müssen erst in größeren Studien geklärt werden. Theoretisch ist es denkbar, dass es bei zu niedrigen Dosen der zugeführten Östrogene und Gestagene zu einer Störung der Balance Osteoblasten/ Osteoklasten kommt und dadurch die Knochenmasse abnimmt. Sind Östrogene für die Verhütung notwendig? Weissenbacher: Alle Pillen arbeiten auf Östrogenbasis, aber wir haben auch ein sehr gut eingeführtes und in klinischen Studien von mehr als drei Millionen Frauen-Monaten bestens untersuchtes rein gestagenhaltiges Kontrazeptivum: das Depot-Medroxyprogesteronacetat (DMPA). Diese Empfängnisverhütung ist schon seit den 60er Jahren erprobt und seit 1984 in Deutschland zugelassen. Während DMPA in den USA und anderen europäischen Ländern boomt, ist es bei uns in die totale Vergessenheit geraten - völlig zu Unrecht. Wie wirkt dieses Gestagen-Depot? Weissenbacher: DMPA ist ein synthetisches Gestagen, das die Wirkung des natürlichen Hormons Progesteron nachahmt. Als Kontrazeptivum wird es in einer Dosierung von 150 mg alle drei Monate tief intramuskulär injiziert. Aus diesem Depot wird das Gestagen dann kontinuierlich freigesetzt. Im Körper wirkt das DMPA dreifach: Das Gestagen hemmt den Eisprung und verhindert die Follikelreifung, verfestigt den Schleimpfropf in der Gebärmutter, so dass keine Spermien mehr eindringen können, und wirkt dem Wachstum der Uterusschleimhaut entgegen, so dass es meist nicht mehr zur Menstruation kommt. Ist eine Kontrazeption mit einem reinen Gestagenprodukt empfehlenswert? Weissenbacher: Das Depotpräparat hat eine so hohe Gestagen-Dosierung, dass es zu keinen Mangelerscheinungen oder Balancestörungen der Osteoblasten und Osteoklasten kommt. Befürchtungen, dass die langfristige Anwendung von DMPA zu Knochenmasse-Verlusten führt, haben sich nicht bestätigt. Wie sicher ist diese Form der Empfängnisverhütung? Weissenbacher: Die Dreimonatsspritze ist eine der sichersten Verhütungsmethoden überhaupt. Klinische Versuche haben gezeigt, dass die Versagensrate zwischen 0,0 und 0,7 liegt. So wurden in einer Studie mit 86 228 Frauen-Monaten nur 15 Schwangerschaften beobachtet, was eine Fehlerquote von 0,2 pro 100 Frauen-Jahre ergibt. In Studien, die von der WHO durchgeführt wurden, kam es bei 36 268 Frauen-Monaten zu neun Schwangerschaften; dabei waren zwei Schwangerschaften bei Frauen eingetreten, die die Dreimonatsspritze in der Dosierung von 100 mg alle drei Monate angewandt hatten. Insgesamt kam es bei 7849 Frauen in 122 496 Frauen-Monaten zu 24 Schwangerschaften. Damit ist die Sicherheit der Dreimonatsspritze vergleichbar mit einer chirurgischen Sterilisation - nur eben einfach zu revidieren. Wann tritt die Fertilität nach Absetzen der Dreimonatsspritze wieder ein? Weissenbacher: Trotz der ausgesprochen guten Sicherheit ist die Rückkehr der Fertilität in den meisten Fällen innerhalb von nur acht Monaten nach dem Absetzen wieder erreicht. Nur in Einzelfällen kann es etwas länger dauern. Es ist kein einziger Fall bekannt, bei dem es bei einer Anwenderin vor der Menopause zu einer irreversiblen Anovulation gekommen ist. In einer Studie, bei der 193 Frauen die Depot-Kontrazeption beendeten, um schwanger zu werden, wurden von den 114 graviden Frauen 78 (68,4 %) innerhalb von zwölf Monaten und 95 (83,3 %) innerhalb von 15 Monaten schwanger. Damit ist die Jahreskonzeptionsrate mit der für orale Kontrazeptiva und intrauterin Spiralen vergleichbar. Die Dreimonatsspritze ist also ein sicheres und reversibles Kontrazeptivum, das für jüngere und kinderlose Frauen geeignet ist. Was sind die Vorteile der Dreimonatsspritze? Weissenbacher: Im Gegensatz zur Pille kann die Depot-Spritze nicht vergessen werden; es kann auch nicht aufgrund von Erbrechen oder Durchfall zum Versagen kommen. Mit einer einmaligen Applikation alle drei Monate ist eine hohe Effektivität erreicht. Dass in 80% der Anwendungen Frauen keine Regelblutung mehr bekommen, ist ein sehr positiver Nebeneffekt, der von den meisten Frauen sehr begrüßt wird. Denn damit fallen auch andere, oft im Zusammenhang mit der Menstruation auftretende Beschwerden wie das prämenstruelle Syndrom, Migräne oder Schmerzen im kleinen Becken, weg. Frauen um 35 Jahre haben den zusätzlichen Vorteil, dass sie einen absoluten Empfängnisschutz haben, aber ohne Östrogene. Bei Frauen kurz vor der Menopause mindert DMPA präklimakterische Beschwerden. Eine für Frauen ganz entscheidende Fragen: Kommt es bei der Dreimonatsspritze zur Gewichtszunahme? Weissenbacher: Studien haben gezeigt, dass es zu einer Wassereinlagerung von höchstens 500 Gramm kommen kann. Andere Gewichtszunahmen sind nicht unmittelbar auf das Kontrazeptivum zurückzuführen und können durch eine gezielte Beratung verhindert werden. Gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko bei der Verwendung von Depot-Gestagenen? Weissenbacher: Ganz im Gegenteil, Gestagene wirken eher gegen Krebs, der durch Östrogene unterhalten werden kann: Es hat sich gezeigt, dass östrogenabhängige Tumoren mit Gestagen behandelt werden können. Mit einem Gestagen-Depot sinkt das Risiko von Tumoren der Gebärmutterschleimhaut um bis zu 80%. Der Schutz hält noch bis zu acht Jahre nach Absetzen des Mittels an. n

"Mehr Knochenbrüche durch Pille" lautete eine Schlagzeile, die auch die Gynäkologen in Aufruhr versetzt. Birgt die Anti-Baby-Pille, die 5,5 Millionen Frauen in Deutschland täglich nehmen, tatsächlich ein solches Risiko? Weissenbacher: Die jetzt diskutierten Ergebnisse sind vorläufig und müssen erst in größeren Studien geklärt werden. Theoretisch ist es denkbar, dass es bei zu niedrigen Dosen der zugeführten Östrogene und Gestagene zu einer Störung der Balance Osteoblasten/ Osteoklasten kommt und dadurch die Knochenmasse abnimmt. Sind Östrogene für die Verhütung notwendig? Weissenbacher: Alle Pillen arbeiten auf Östrogenbasis, aber wir haben auch ein sehr gut eingeführtes und in klinischen Studien von mehr als drei Millionen Frauen-Monaten bestens untersuchtes rein gestagenhaltiges Kontrazeptivum: das Depot-Medroxyprogesteronacetat (DMPA). Diese Empfängnisverhütung ist schon seit den 60er Jahren erprobt und seit 1984 in Deutschland zugelassen. Während DMPA in den USA und anderen europäischen Ländern boomt, ist es bei uns in die totale Vergessenheit geraten - völlig zu Unrecht. Wie wirkt dieses Gestagen-Depot? Weissenbacher: DMPA ist ein synthetisches Gestagen, das die Wirkung des natürlichen Hormons Progesteron nachahmt. Als Kontrazeptivum wird es in einer Dosierung von 150 mg alle drei Monate tief intramuskulär injiziert. Aus diesem Depot wird das Gestagen dann kontinuierlich freigesetzt. Im Körper wirkt das DMPA dreifach: Das Gestagen hemmt den Eisprung und verhindert die Follikelreifung, verfestigt den Schleimpfropf in der Gebärmutter, so dass keine Spermien mehr eindringen können, und wirkt dem Wachstum der Uterusschleimhaut entgegen, so dass es meist nicht mehr zur Menstruation kommt. Ist eine Kontrazeption mit einem reinen Gestagenprodukt empfehlenswert? Weissenbacher: Das Depotpräparat hat eine so hohe Gestagen-Dosierung, dass es zu keinen Mangelerscheinungen oder Balancestörungen der Osteoblasten und Osteoklasten kommt. Befürchtungen, dass die langfristige Anwendung von DMPA zu Knochenmasse-Verlusten führt, haben sich nicht bestätigt. Wie sicher ist diese Form der Empfängnisverhütung? Weissenbacher: Die Dreimonatsspritze ist eine der sichersten Verhütungsmethoden überhaupt. Klinische Versuche haben gezeigt, dass die Versagensrate zwischen 0,0 und 0,7 liegt. So wurden in einer Studie mit 86 228 Frauen-Monaten nur 15 Schwangerschaften beobachtet, was eine Fehlerquote von 0,2 pro 100 Frauen-Jahre ergibt. In Studien, die von der WHO durchgeführt wurden, kam es bei 36 268 Frauen-Monaten zu neun Schwangerschaften; dabei waren zwei Schwangerschaften bei Frauen eingetreten, die die Dreimonatsspritze in der Dosierung von 100 mg alle drei Monate angewandt hatten. Insgesamt kam es bei 7849 Frauen in 122 496 Frauen-Monaten zu 24 Schwangerschaften. Damit ist die Sicherheit der Dreimonatsspritze vergleichbar mit einer chirurgischen Sterilisation - nur eben einfach zu revidieren. Wann tritt die Fertilität nach Absetzen der Dreimonatsspritze wieder ein? Weissenbacher: Trotz der ausgesprochen guten Sicherheit ist die Rückkehr der Fertilität in den meisten Fällen innerhalb von nur acht Monaten nach dem Absetzen wieder erreicht. Nur in Einzelfällen kann es etwas länger dauern. Es ist kein einziger Fall bekannt, bei dem es bei einer Anwenderin vor der Menopause zu einer irreversiblen Anovulation gekommen ist. In einer Studie, bei der 193 Frauen die Depot-Kontrazeption beendeten, um schwanger zu werden, wurden von den 114 graviden Frauen 78 (68,4 %) innerhalb von zwölf Monaten und 95 (83,3 %) innerhalb von 15 Monaten schwanger. Damit ist die Jahreskonzeptionsrate mit der für orale Kontrazeptiva und intrauterin Spiralen vergleichbar. Die Dreimonatsspritze ist also ein sicheres und reversibles Kontrazeptivum, das für jüngere und kinderlose Frauen geeignet ist. Was sind die Vorteile der Dreimonatsspritze? Weissenbacher: Im Gegensatz zur Pille kann die Depot-Spritze nicht vergessen werden; es kann auch nicht aufgrund von Erbrechen oder Durchfall zum Versagen kommen. Mit einer einmaligen Applikation alle drei Monate ist eine hohe Effektivität erreicht. Dass in 80% der Anwendungen Frauen keine Regelblutung mehr bekommen, ist ein sehr positiver Nebeneffekt, der von den meisten Frauen sehr begrüßt wird. Denn damit fallen auch andere, oft im Zusammenhang mit der Menstruation auftretende Beschwerden wie das prämenstruelle Syndrom, Migräne oder Schmerzen im kleinen Becken, weg. Frauen um 35 Jahre haben den zusätzlichen Vorteil, dass sie einen absoluten Empfängnisschutz haben, aber ohne Östrogene. Bei Frauen kurz vor der Menopause mindert DMPA präklimakterische Beschwerden. Eine für Frauen ganz entscheidende Fragen: Kommt es bei der Dreimonatsspritze zur Gewichtszunahme? Weissenbacher: Studien haben gezeigt, dass es zu einer Wassereinlagerung von höchstens 500 Gramm kommen kann. Andere Gewichtszunahmen sind nicht unmittelbar auf das Kontrazeptivum zurückzuführen und können durch eine gezielte Beratung verhindert werden. Gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko bei der Verwendung von Depot-Gestagenen? Weissenbacher: Ganz im Gegenteil, Gestagene wirken eher gegen Krebs, der durch Östrogene unterhalten werden kann: Es hat sich gezeigt, dass östrogenabhängige Tumoren mit Gestagen behandelt werden können. Mit einem Gestagen-Depot sinkt das Risiko von Tumoren der Gebärmutterschleimhaut um bis zu 80%. Der Schutz hält noch bis zu acht Jahre nach Absetzen des Mittels an. n

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