Bevölkerungsbasierte Untersuchung | Gyn-Depesche 2/2014

Früh oder spät: Von zwei Arten von Präeklampsie ausgehen

Ein Professor für materno-fetale Medizin der Universität von British Columbia in Vancouver, der auch für deren School of Population and Public Health arbeitet, hat zusammen mit einer Kollegin von der materno-fetalen Medizin Datenbanken aus den USA ausgewertet. Die Autoren fanden Unterschiede zwischen den beiden Typen von Präeklampsie bei den Risikofaktoren und vor allem bei der Prognose.

Die Präeklampsie (PE) wird charakterisiertdurch erhöhten Blutdruck und Protein­urie oder Beteiligung anderer Organe an einer exzessiven systemischen Entzündung. In Industrieländern betrifft sie ca. 3 bis 5% der Schwangerschaften und stellt eine der häufigsten Ursachen mütterlicher Mortalität und schwerer mütterlicher Morbidität dar, inkl. Eklampsie, Abruptio placentae, Lungenödem und akutes Nierenversagen. Bei den Babys besteht ein ca. zweifach erhöhtes Risiko neonataler Todesfälle. Erhöhte Gefahr droht u. a. für niedrigen Apgar, Krampfanfälle, neonatale Enzephalopathie und Aufnahme auf die Intensivstation. Allerdings haben einige frühere Studien gezeigt, dass bei wegen PE sehr viel zu früh geborenen Babys im Vergleich zu sehr kleinen Frühchen aus anderen Gründen die Risiken für Retinopathie, Zerebralparese und neonatale Mortalität geringer sind.

Die PE ist eine heterogene Erkrankung mit zwei ausgeprägten Untertypen: früh, vor SSW 34, und spät, ab SSW 34. Besonders bei früher PE ist das Risiko lebensbedrohlicher Komplikationen für die Mutter und das fetaler Todesfälle hoch. Die einzige Therapie besteht in früher Entbindung.

Die Höhe der PE-Inzidenz nach Gestationsalter ist noch nicht auf Bevölkerungsebene untersucht worden. Im US-Bundesstaat Wash­ington werden die Comprehensive Dis-charge Abstract Database (CHARS) mit allen Klinikaufnahmen und die Birth Events Record Database gepflegt (BERD). Sie enthalten ICD-9-Diagnosen und sind verknüpfbar.

Faktoren für frühe PE ...

Daten ließen sich von 456 668 Frauen erheben, die von 2003 bis 2008 von einem Baby entbunden worden waren oder eine Totgeburt erlitten hatten. Die PE-Quote lag bei 3,11 pro 100 Einlingsentbindungen, die von Eklampsie bei 4,12 pro 10 000. Die Häufigkeit früher PE betrug 0,38 pro 100, die später 2,72. In Abhängigkeit vom Gestationsalter stieg die PE-Inzidenz von 0,01 pro 1000 Schwangerschaften in SSW 20 auf 9,62 in SSW 40.

Frauen an den Altersgrenzen der Mütter, d. h. unter 20 Jahren oder 35 und älter, wiesen höhere Quoten von früher PE auf, ebenso Afroamerikanerinnen, nicht verheiratete Schwangere und Nulliparae. Dies galt auch für Frauen mit Diabetes oder chronischer Hypertonie, diejenigen, die nach einer Infertilitätstherapie schwanger geworden waren, und die Mütter eines Babys mit einer angeborenen Fehlbildung.

... und für späte

Sehr junge Frauen (unter 20), unverheiratete, Nulliparae, Diabetikerinnen oder Frauen mit chronischem Hochdruck, Schwangere nach Infertilitätstherapie und solche mit männlichem Fetus hatten auch höhere Quoten später PE.

Bei mehreren Faktoren fand sich kein signifikanter Unterschied der adjustierten Hazard Ratios für frühe und späte PE. Dazu zählten Rauchen in graviditate (niedrigere Raten), Familienstand nicht verheiratet, höheres Alter der Mutter und Geschlecht des Babys.

Signifikante Differenzen gab es bei den Faktoren afroamerikanische Abstammung, chronische Hypertonie und angeborene Fehlbildungen: sie waren stärker mit früher PE assoziiert. Alter unter 20 Jahren (im Vergleich mit der Altersgruppe 20 bis 35 Jahre), Nullipara-Status und Diabetes sowie die Herkunftsbezeichnung andere (weder Referenz, d. h. nicht hispanisch mit weißer Hautfarbe, noch hispanisch, afroamerikanisch oder indianisch; Risiko geringer) standen in stärkerem Zusammenhang mit später PE.

Die höchste PE-Gefahr bestand für Frauen mit chronischer Hypertonie. Im Vergleich mit Normotonikerinnen war sie für frühe PE über zehnfach erhöht, für späte PE ca. fünffach.

Die Quoten aller ungünstigen Folgen für das Baby (inkl. Todesfälle) waren bei früher PE höher als ohne frühe PE mit der Ausnahme der LGA-Kinder (large for gestational age). Von den Frauen mit früher PE entbanden ca. 12% mit 34 Wochen oder später und bei fast der Hälfte der Entbindungen (49,5%) war das Geburtsgewicht sehr niedrig (unter 1500 g).

Im Vergleich mit Babys von Müttern ohne PE waren bei später Erkrankung alle ungünstigen Folgen mit Ausnahme neonataler Todesfälle signifikant häufiger.

Nach Korrektur um Risikofaktoren (Abstammung, Geburtenzahl, Alter und Ausbildung der Mutter, Geschlecht des Babys, Personenstand, Infertilitätstherapie, chronische Hypertonie, Diabetes und angeborene Fehlbildungen) blieben die Raten ungünstiger Folgen bei Müttern mit früher PE im Vergleich zu Frauen ohne frühe PE mehrfach höher. Die Quote fetaler Todesfälle war ca. sechsfach höher, die perinatale Mortalität oder schwere neonatale Morbidität 16-fach (let­ztere war vorab definiert).

Auch die korrigierten Raten ungünstiger Folgen bei später PE übertrafen die bei Müttern ohne PE, aber wesentlich weniger als bei früher Erkrankung. So fanden sich bei fetalen, neonatalen oder perinatalen Todesfällen (fetal und neonatal kombiniert) keine statistisch signifikanten Unterschiede. SGA-Babys kamen signifikant häufiger zur Welt.

Zwar verstarben nach früher PE geborene Babys in den ersten vier Wochen nicht so oft wie Neugeborene gleichen Gestationsalters ohne PE der Mutter, doch waren die korrigierten Odds Ratios für schwere neonatale Morbidität, Verlegung auf die Intensivstation und SGA-Status nach PE höher (1,35, 2,44, 2,78).

Laut Sensitivitätsanalysen war ein hoher BMI ein stärkerer Risikofaktor für frühe PE als für späte, ähnlich wie bei chronischer Hypertonie. Wurde der Hochdruck um Adipositas korrigiert, nahm sein Einfluss ab.

Die Autoren erklären zusammenfassend, dass die PE-Inzidenz mit dem Ges­tationsalter scharf anstieg. Man kennt zwar die PE-Ursachen nicht genau, doch ist eine plazentare Dysfunktion damit in Verbindung gebracht worden. Untersuchungen der Plazenta-Morphologie deuten auf Heterogenität der Erkrankung hin. Die stärkere Assoziation angeborener Fehlbildungen mit früher PE legt nahe, dass assoziierte Plazenta-Ano­malien vorliegen, die die Perfusion stören und zu früher PE führen. Die deutliche Beziehung von Diabetes und später PE lässt vermuten, dass eine relative Plazenta-Insuffizienz häufiger in Diabetes-Graviditäten mit größerem Fetus vorkommt.

Als Einschränkungen ihrer Studie geben die Verfasser u. a. an, dass nur Frauen erfasst wurden, die mit PE ins Krankenhaus kamen. In einigen Fällen kann sie einige Tage vor der Aufnahme begonnen haben. Informationen zum BMI waren begrenzt; es gab keine zur Gabe von ASS bei hohem PE-Risiko. Die Autoren plädieren dafür, die beiden PE-Formen in Studien in puncto Ätiologie und Prognose als zwei Entitäten zu behandeln. SN

Quelle: Lisonkova S et al.: Incidence of preeclampsia: risk factors and outcomes associated with early- versus late-onset disease, Zeitschrift: AMERICAN JOURNAL OF OBSTETRICS AND GYNECOLOGY, Ausgabe 209 (2013), Seiten: 544.e1-544.e12

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

Ihr Zugang zu exklusiven Inhalten für Fachkreise

Login für Fachkreise

Neu registrieren

Passwort vergessen?