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Extremfrühgeburten in Dänemark

Gyn-Depesche 2/2022

Herbst ist Hochrisikozeit

Während des strengen SARS-CoV-2-bedingten Lockdowns im Frühjahr 2020 kamen in vielen Ländern deutlich weniger extrem unreife Frühgeborene zur Welt. Dies deutet darauf hin, dass der Frühgeburtlichkeit zum Teil vermeidbare Risikofaktoren zu Grunde liegen. Auch jahreszeitliche Schwankungen scheinen das Frühgeburtsrisiko zu beeinflussen, wie nun ein dänisches Forschungsteam zeigte.
Den Rückgang der Extremfrühgeburten während des Lockdowns führen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die veränderten Verhaltensweisen der Schwangeren zurück: Sie vermuten, dass die vermehrten Hygieneanstrengungen, das Arbeiten von zu Hause sowie die soziale Distanzierung zu einer Reduktion der Keimexposition, zu veränderten körperlichen Aktivitätsmustern, zu einer Verringerung von psychischem Stress sowie zu geringeren klimatischen Belastungen geführt haben könnten.
Die Forschenden gehen davon aus, dass die Jahreszeiten ähnliche, wenn auch schwächer ausgeprägte Auswirkungen auf die Lebensumstände und den Alltag von Schwangeren haben. Diese Hypothese überprüften sie mithilfe einer nationalen Bevölkerungsstudie. Hierzu werteten sie mithilfe administrativer Register die Daten von 1.136.143 Einlingsschwangerschaften in Dänemark im Zeitraum zwischen 1997 und 2016 aus. In allen Fällen waren die Kinder nach 21 abgeschlossenen Schwangerschaftswochen (SSW) zur Welt gekommen. Die Forschenden objektivierten in jedem Einzelfall die Jahreszeit zum Konzeptionszeitpunkt sowie die Jahreszeit während der Schwangerschaft und prüften, ob ein Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit für eine Extremfrühgeburt, also eine Geburt zwischen 22+0 und 27+6 SSW, bestand.
 
Saisonale Schwankungen
Das Analysekollektiv umfasste 662.338 Schwangere mit einem medianen Alter von 30 Jahren zum Konzeptionszeitpunkt. Die Prävalenz der Frühgeburt (22+0 bis 36+6 SSW) betrug 3,4 % und 0,2 % der Kinder kamen als extrem unreife Frühgeborene zur Welt. Die mit 0,16 % geringste kumulative Inzidenz der Extremfrühgeburt stellten die Forschenden im Winter fest, die höchste dagegen im Herbst (0,20 %), gefolgt vom Sommer (0,18 %) und Frühling (0,17 %). Im Vergleich zu Winterschwangerschaften bestand bei Frühlings-, Sommer- bzw. Herbstschwangerschaften ein um 11, 15 bzw. 25 % höheres Extremfrühgeburtsrisiko. Statistische Signifikanz bestand allerdings nur bei den Sommer- und Herbstschwangerschaften.
Die Auswertung im Hinblick auf die Jahreszeit zum Konzeptionszeitpunkt ergab: Im Vergleich zur Konzeption während der Wintermonate bestand kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Konzeption im Frühling oder Herbst und dem Risiko für eine Extremfrühgeburt. Eine Konzeption im Sommer ging dagegen mit einem um 13 % geringeren Risiko einher. LO
Kommentar
Das Risiko für eine Extremfrühgeburt unterliegt deutlichen saisonalen Schwankungen, schlussfolgern die Autorinnen und Autoren: Das höchste Risiko besteht bei Schwangerschaften im Herbst, das geringste dagegen im Winter. Ihren Berechnungen zu Folge spielt bei 2,8 % aller Extremfrühgeburten die Jahreszeit eine entscheidende Rolle. Da sich im Verlauf der Jahreszeiten das Verhalten des Einzelnen aber auch das der Gesellschaft insgesamt ändert, beispielsweise bewegen sich die Menschen in den wärmeren Monaten mehr, gehen die Forschenden von potenziell vermeidbaren Risikofaktoren aus. Diese zu identifizieren sei nun Aufgabe der Forschung.
Quelle: Hviid A et al.: Assessment of seasonality and extremely preterm birth in Denmark. JAMA Netw Open 2022; 5(2): e2145800
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