Zu Unrecht beschädigter Ruf

Gyn-Depesche 3/2021

Keine Angst vor der Hormonersatztherapie

Ob eine Hormonersatztherapie der Gesundheit nutzt oder schadet, hängt wesentlich vom Alter der Frau bei Behandlungsbeginn ab: Innerhalb von zehn Jahren nach Eintritt der Menopause überwiegen nachweislich die positiven Effekte. Dennoch besteht bei vielen Ärzten und Ärztinnen Verunsicherung.
Bis zum Jahr 2002 stellte die Hormonersatztherapie (HRT) die Standardbehandlung bei Wechseljahresbeschwerden dar. Mit der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse der Women’s Health-Initiative( WHI)-Studie – die Teilnehmerinnen hatten konjugierte equine Östrogene mit oder ohne Medroxyprogesteronacetat erhalten – änderte sich das jedoch: Wegen der Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs und kardiovaskulären Komplikationen rieten viele Kolleg: innen von einer HRT ab. Das WHI-Kollektiv spiegelte jedoch nicht die typische Zielgruppe der HRT wider: Im klinischen Alltag wird die Behandlung üblicherweise zeitnah perimenopausal eingeleitet, wogegen die WHI-Teilnehmerinnen bei Therapiebeginn im Schnitt 63 Jahre alt waren und sich seit durchschnittlich zwölf Jahren in der Postmenopause befanden. Zudem waren viele WHI-Probandinnen kardiovaskulär vorbelastet.
Obwohl die ungünstige Zusammensetzung des Studienkollektivs mittlerweile bekannt ist, stehen auch heute noch viele Ärzte und Ärztinnen der HRT kritisch gegenüber. Sie verordnen stattdessen lieber alternative Therapien, die jedoch die breiten positiven Effekte der Östrogene an den verschiedenen Organsystemen nicht ansatzweise erreichen und ebenfalls nicht frei von Nebenwirkungen sind: Statine zur Prävention der koronaren Herzkrankheit, Bisphosphonate und andere Osteoporosewirkstoffe zur Verhinderung des Knochenmasseverlusts sowie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) zur Bekämpfung von Hitzewallungen. Östrogene beeinflussen dagegen zahlreiche Gewebe gleichzeitig: Bei einem Behandlungsbeginn innerhalb von zehn Jahren nach der Menopause senkt die HRT die Gesamtmortalität sowie das Risiko für die koronare Herzkrankheit, das Risiko für Osteoporose und für osteoporotische Frakturen sowie das Risiko einer Demenz.
Zur Frage des Mammakarzinomrisikos führen die Forschenden aus: Untersuchungsergebnisse lassen darauf schließen, dass verschiedene Hormonkombinationen das Brustkrebsrisiko in unterschiedlichem Ausmaß beeinflussen. Der Art der zum Endometriumschutz verwendeten Progesteronkomponente kommt diesbezüglich die größte Bedeutung zu. LO
Kommentar
Viele Kliniker und Klinikerinnen wurden nach der Veröffentlichung der WHI-Studie nicht ausreichend geschult, meinen die Autor:innen. Da es ihnen an fundiertem Wissen bezüglich der Vor- und Nachteile der Hormonersatztherapie fehlt, scheuen sie eine Verordnung, obwohl bei fachgerechtem Einsatz der Nutzen die Risiken überwiegt.
Quelle: Langer RD et al.: Hormone replacement therapy - where are we now? Climacteric 2021; 24(1): 3-10
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