Prävention der Frühgeburt | Gyn-Depesche 2/2020

Leitlinien, die keiner beachtet

In welchem Maß sich französische Gynäkologen und Geburtshelfer an den Leitlinien zur Prävention der spontanen Frühgeburt orientieren, prüfte eine kürzlich publizierte Studie. Den Ergebnissen zufolge müssen sich besonders Ärzte höheren Alters und Angestellte in außeruniversitären Geburtskliniken an die eigene Nase fassen.
Die Ärzte sollten vor Veröffentlichung der Leitlinien durch das French College of Gynecologists and Obstetricians (CNGOF) sowie danach per Fragebogen Angaben zur eigenen Adhärenz machen. Die Erhebung basierte auf zwei klinischen „Vignetten“: Vignette 1 konzentrierte sich auf die Empfehlung zu strikter Bettruhe, Zervixcerclage und einer Progesteron-Therapie bei Frauen mit verkürzter Zervix im zweiten Trimester. Vignette 2 bezog sich auf das Vorgehen nach erfolgreicher Tokolyse, das Bettruhe sowie eine Dauertokolyse beinhalten sollte.
Während sich vor Veröffentlichung der Leitlinien 56,0 % der Befragten hinsichtlich Vignette 1 nicht adhärent verhielten, waren es danach 51,4 % – eine relevante Verbesserung war somit nicht zu beobachten. Gleiches galt für Vignette 2: Mit 31,1 % nicht adhärenten Teilnehmern vor Veröffentlichung der Leitlinien und 22,3 % danach, zeigte sich auch hier keine signifikant gesteigerte Compliance. Besonders oft nicht leitlinienkonform verhielten sich Ärzte höheren Alters sowie in außeruniversitären und privaten Entbindungsstationen tätige Personen. Häufig angegebene Gründe waren die Angst vor Veränderung, Zeitmangel und eine hohe Arbeitslast.
Der Einsatz von Schlüsselwörtern und Entscheidungsbäumen erleichterte den Befragten die Lektüre. Auch eine umfassendere Verbreitung der Leitlinien z. B. per E-Mail fänden viele hilfreich.
Um die Leitlinienadhärenz zu verbessern schlagen die Autoren der Studie einen multifaktoriellen Ansatz vor. Neben einer übersichtlicheren Darstellung der vermittelten Inhalte, z. B. durch die Formulierung von Kernbotschaften, sollten auch in medizinischen Einrichtungen Strukturen geschaffen werden, um individuelle Hindernisse wie Zeitmangel aus dem Weg zu räumen. RG
Quelle: Rousseau A et al.: Do obstetricians apply the national guidelines? A vignette-based study assessing practices for the prevention of preterm birth. BJOG 2020; 127(4): 467–76

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