Psychische Narben einer Krebserkrankung

Gyn-Depesche 5/2021

Post-Diagnose Depression

Auch nach einer erfolgreichen Behandlung hinterlässt eine Krebserkrankung nicht nur körperliche, sondern oft auch seelische Schäden. Die Überlebenden haben auch viele Jahre nach ihrem Sieg über den Krebs noch mit psychischen Problemen zu kämpfen, die nicht unterschätzt werden dürfen. Ein besonderes Augenmerk sollte auch lange nach der Heilung noch auf die biopsychosoziale Nachsorge gelegt werden. Dies konnte eine deutsche Forschergruppe nun unlängst mit ihren Studienergebnissen belegen.
Brustkrebs ist die am häufigsten diagnostizierte Krebsart bei Frauen. Eine bessere Prognose hat inzwischen zu einer längeren Überlebensdauer nach der Diagnose geführt. Dies bringt allerdings auch Probleme für die Überlebenden mit sich. Bekannt ist bereits, dass Depressionen generell häufiger bei Brustkrebsüberlebenden auftreten als in der Allgemeinbevölkerung. Bisher gibt es jedoch nur wenige Daten zu Langzeitüberlebenden.
In dieser aktuellen Studie wurden die altersabhängige Prävalenz von Depressionssymptomen bei Brustkrebsüberlebenden im Vergleich zu einer weiblichen Kontrollgruppe untersucht und depressionsauslösende Faktoren identifiziert. Hierzu wurden die Daten von 3.010 Brustkrebsüberlebenden (Stadium I-III, 5–16 Jahre nach der Diagnose) und 1.005 Kontrollprobandinnen analysiert. Zum Assessment wurde die Geriatrische Depressionsskala (GDS-15), ein selbstauszufüllender Fragebogen, verwendet. Punktzahlen von ≥ 5 wurden als milde Depression gewertet, ab ≥ 11 Punkten wurde eine schwere Depression angenommen. Zusätzlich wurden soziodemographische Daten erfasst. Es erfolgte eine altersabhängige Einteilung in Kohorten.
Im Vergleich zur Kontrollgruppe gaben Brustkrebsüberlebende häufiger eine milde oder schwere Depression an (30,4 % vs. 23,8 %). In allen Altersgruppen war die Prävalenz von milder/schwerer Depression signifikant höher bei den Brustkrebsüberlebenden. Brustkrebspatienten mit einem Rezidiv hatten eine signifikant höhere Prävalenz für milde/schwere Depressionen im Vergleich zu ausgeheilten Patientinnen und der Kontrollgruppe. Als signifikante Faktoren für eine milde/schwere Depression konnten ein Alter < 60 Jahren, ein Einkommen < 1.500 €, eine nicht selbstständige Wohnsituation, das Auftreten von Rezidiven und ein hoher BMI ≥ 30 kg/m2 identifiziert werden. Für eine schwere Depression waren zudem noch ein niedriger Bildungsstand und Arbeitslosigkeit signifikant. Bis auf den Bildungsstand waren die Faktoren sowohl in der Brustkrebs- als auch in der Kontrollgruppe mit dem Auftreten einer Depression assoziiert. Keinen signifikanten Einfluss hatten die Zeitspanne seit der Erstdiagnose, die Art der Behandlung, ein Lebenspartner und Kinder.
In der Praxis sollte diesen Ergebnissen nach häufiger routinemäßig auf Depressionssymptome hin gescreent werden und betroffenen Patientinnen psychiatrische Hilfe zur Lebensqualitätsverbesserung angeboten werden. GFI
Kommentar
Die Autoren verweisen abschließend auf einige Limitationen des verwendeten Fragebogens GDS-15: Da dieser für den geriatrischen Kontext entwickelt wurde, sind die Ergebnisse womöglich nicht direkt auf junge Patienten übertragbar. Außerdem erhebt er lediglich die affektiven und kognitiven, nicht aber die somatischen Bereiche der Depression. Dies reduziert zwar das Risiko einer Überschneidung von Depression und Fatigue, könnte aber die Vergleichbarkeit mit anderen Studien einschränken.
Quelle: Doege D et al.: Age-specific prevalence and determinants of depression in long-term breast cancer survivors compared to female population controls. Cancer Med 2020; 9(22): 8713-21
ICD-Codes: F32.9
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