Inkontinenzrisiko | Gyn-Depesche 4/2018

Schadet intensiver Sport dem Beckenboden?

„No pain, no gain“: Sogenanntes „High-impact-training“ liegt auch bei Freizeitsportlern voll im Trend. Zu hohe Belastungen könnten jedoch einer Dysfunktion des Beckenbodens Vorschub leisten, fürchten manche Experten.

Einiges deutet darauf hin, dass hochintensives Training die Funktion des Beckenbodens beeinträchtigt: So fand man in Studien bei Leistungssportlerinnen und Tänzerinnen eine hohe Prävalenz von Drang- und Stressinkontinenz, die sich im Wettkampf und/oder im Alltag bemerkbar machte. Schuld daran ist vermutlich der durch Sprünge oder Gewichtseinsatz hohe intraabdominelle und intravesikale Druck. Unklar ist allerdings, ob die wiederkehrenden Druckspitzen den Mechanismus des Harnröhrensphinkters beeinträchtigen oder zu einer kontinuierlichen Schädigung des Beckenbodens führen.
 
Die Parität entscheidet
 
Langzeitstudien belegen: Ehemalige Spitzenathletinnen leiden zwar nicht generell häufiger an Inkontinenz als Frauen ohne Sportkarriere – wohl aber dann, wenn sie zwei oder drei Kinder haben. Als ein starker Prädiktor hierfür erwiesen sich frühere Inkontinenzepisoden während der Wettkämpfe.
Die Belastung des Beckenbodens durch eine hohe Anzahl von Sprüngen im Rahmen von Ausdauereinheiten könnte auch einen schon bestehenden Deszensus verstärken. Bestätigt wird das durch die Beobachtung, dass Patientinnen mit einem Prolaps oft von einer Verschlechterung ihrer Symptome nach dem Training oder körperlich anstrengenden Aktivitäten berichten. Zudem ist das Rezidivrisiko nach einer operativen Beckenbodenrekonstruktion bei intensiv trainierenden Frauen höher. Im Kontrast dazu zeigte eine Studie mit je 35 jungen Nullipara, die entweder an einem hochintensiven Workout oder einem weniger anstrengenden Training teilnahmen, zwar eine signifikante Beckenbodensenkung nach dem Sport; deren Ausmaß unterschied sich in den beiden Gruppen jedoch nicht. Offenbar schädigte die hohe Belastung den Beckenboden also nicht mehr als das „normale“ Training.
Möglicherweise ist die Druckerhöhung im Beckenraum nur dann von Nachteil, wenn sie einen gewissen Schwellenwert übersteigt. Dieser hängt jedoch von individuellen Voraussetzungen ab und ist von Frau zu Frau unterschiedlich. Leiden Sportlerinnen beim Kraft-oder Sprungtraining an unfreiwilligem Urinabgang, ist das ein Zeichen, dass ihr Körper dem Druck nicht gewachsen ist. Mithilfe von gezieltem Beckenbodentraining und modifizierten Übungstechniken kann man die Dysbalance ausgleichen.
 
Aktiv bleiben
 
Die gesundheitsförderliche Wirkung körperlicher Aktivität ist unbestritten. Nun gilt es, genauer zu definieren, welche Risikofaktoren zu einer Dysfunktion des Beckenbodens beitragen. So könnten Frauen genauer über ihr individuelles Risiko informiert und das Trainingsprogramm bedarfsgerecht angepasst werden. Frauen generell von High-Impact-Sportarten abzuraten, käme jedoch einem Rückschritt gleich – sowohl hinsichtlich der Gesundheit als auch der Geschlechtergleichstellung. CW

Quelle:

Karmakar D et al.: High impact exercise may cause pelvic floor dysfunction. For: scale, strengthen, protect! BJOG 2018; 125: 614

Kruger J: Against: Is high-impact exercise really bad for your pelvic floor? Ebd. 615

ICD-Codes: R32

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