Ein empfindliches Gleichgewicht | Gyn-Depesche 2/2019

Vaginale Dysbiosen – Folgen und Behandlung

Eine gesunde Vaginalflora setzt sich zu 70 bis 90 % aus Bakterien der Gattung Lactobacillus zusammen, deren Milchsäure-und Wasserstoffperoxid-Produktion das Eindringen pathogener Keime in den Genitaltrakt verhindert. Gerät das mikrobielle Gleichgewicht ins Wanken, wie bei der bakteriellen Vaginose oder der aeroben Vaginitis, ist mit erheblichen Gesundheitsrisiken zu rechnen.

Sowohl die bakterielle Vaginose als auch die aerobe Vaginitis sind durch einen verringerten Anteil schützender Laktobazillen charakterisiert. Bei der bakteriellen Vaginose ist der Genitaltrakt stattdessen durch anaerobe Bakterien der Gattung Gardnerella oder Atopobium besiedelt.
Die Abwesenheit säurebildender Bakterien hat eine Erhöhung des vaginalen pHWerts zur Folge, als pathologisch gilt ein pH über 4,7. Kennzeichnend für eine bakterielle Vaginose ist die Bildung eines dichten Biofilms auf dem Vaginalepithel. Bei fast der Hälfte aller Patientinnen ist davon auch das Endometrium betroffen, was als mögliche Ursache für die häufig mit einer bakteriellen Vaginose assoziierten Komplikationen im oberen Genitaltrakt diskutiert wird. So haben Frauen mit bakterieller Vaginose ein zweifach höheres Risiko für eine Frühgeburt. Liegt zusätzlich eine Mutation im TNF-a-Gen vor, steigt das Risiko sogar um das Sechsfache. Eine bakterielle Vaginose prädisponiert Patientinnen außerdem für eine postpartale Endometriose sowie eine entzündliche Beckenerkrankung.
Zur Behandlung empfiehlt das Center for Disease Control and Prevention die orale oder vaginale Applikation von Metronidazol oder Clindamycin, wobei die Wirksamkeit beider Therapiemaßnahmen vergleichbar ist. Unter Metronidazol traten in Studien aber verstärkt Nebenwirkungen auf; zudem ist der Erreger Atopobium häufig resistent gegen dieses Antibiotikum.
Eine bislang eher unbekannte Form der vaginalen Dysbiose ist die aerobe Vaginitis, die durch eine übermäßige Besiedelung des Genitaltrakts durch aerobe Bakterien wie Escherichia coli oder B-Streptokokken charakterisiert ist. Typische Symptome sind eitriger Ausfluss sowie Erytheme der Vaginalschleimhaut. Im Gegensatz zur bakteriellen Vaginose liegt außerdem eine starke Entzündungsreaktion vor.
Auch die aerobe Vaginitis geht mit zahlreichen Gesundheitsrisiken einher wie Komplikationen während der Schwangerschaft sowie neonatalen B- Streptokokkenoder Escherichia-coli-Infektionen. Zur Behandlung empfiehlt sich die topische Applikation von Clindamycin, da es zusätzlich zu seinem antibakteriellen Effekt antientzündlich wirkt. Die zusätzliche Verwendung von 10 % Hydrocortison hat sich ebenfalls als effektiv erwiesen. RG
Quelle:

Paavonen J, Brunham RC: Bacterial vaginosis and desquamative inflammatory vaginitis. N Engl J Med 2018; 379(23): 2246-54

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