Vulvaschmerz durch hormonelle Verhütung

Gyn-Depesche 4/2021

Zweifelhafter Zusammenhang

Mehrere Fall-Kontroll-Studien fanden eine Assoziation zwischen hormonellen Kontrazeptiva und der Entstehung einer Vulvodynie. Rekrutiert wurden aber zumeist nur Frauen, die aufgrund ihrer Vulvaschmerzen aktiv medizinische Hilfe suchten. Wurden die Ergebnisse durch einen Selektionsbias verfälscht?
Obwohl noch nicht vollständig verstanden, sind die Ursachen der Vulvodynie wahrscheinlich multifaktoriell. Zur Entstehung beitragen sollen unter anderem hormonelle Kontrazeptiva, so das Ergebnis mehrerer Fall-Kontroll- Studien. In bevölkerungsbasierten Untersuchungen war der Zusammenhang dagegen kleiner oder statistisch nicht signifikant. Eine Erklärung für diese Diskrepanz könnte ein Selektionsbias sein – einem häufigen Problem bei Fall-Kontroll-Studien. So wurden in bisherige Fall-Kontroll-Studien lediglich Frauen eingeschlossen, deren chronischer Vulvaschmerz in einem spezialisierten Zentrum behandelt wurde. Jedoch repräsentierte diese Studienpopulation höchstwahrscheinlich nicht die reale Zielpopulation, da schätzungsweise 40 % der Frauen mit Vulvodynie keine medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Hinzu kommt, dass Frauen, die anhand hormoneller Kontrazeptiva verhüten, per se häufiger einen Arzt aufsuchen.
Forschende der Boston University wollten nun herausfinden, ob es in früheren Fall-Kontroll-Studien tatsächlich zu einer Verzerrung der Stichproben und damit auch der Ergebnisse gekommen sein könnte. Sie führten dazu abermals eine Fall-Kontroll-Studie durch, deren Teilnehmerinnen über ein Kliniknetzwerk des US-Bundesstaates Minnesota rekrutiert wurden. Die Stichprobe war somit weder streng bevölkerungsbasiert, noch ausschließlich klinikbezogen, da die Probandinnen die Kliniken aus jeglichen medizinischen Gründen aufgesucht hatten. Anhand einer Umfrage wurden 1.168 Frauen ausgewählt, die die diagnostischen Kriterien von chronischem Vulvaschmerz erfüllten, und danach stratifiziert, ob sie sich aufgrund ihrer Schmerzen in medizinische Behandlung begeben hatten oder nicht. Jeder dieser „Fälle“ wurde mit drei von ingesamt 25.287 Kontrollen gematcht.
Mit einer adjustierten Odds Ratio (OR) von 2,6 hatten die Nutzerinnen hormoneller Kontrazeptiva ein insgesamt höheres Risiko für chronischen Vulvaschmerz als Nicht-Anwenderinnen. Und tatsächlich war der Effekt stärker, wenn sich die Analyse auf die Frauen beschränkte, die medizinische Hilfe in Anspruch nahmen (OR 2,9).
Somit bestätigt die vorliegende Studie zwar eine Verbindung zwischen der Einnahme hormoneller Kontrazeptiva und chronischem Vulvaschmerz – die Assoziation scheint jedoch schwächer ausgeprägt zu sein als bisherige Fall-Kontroll-Studien vermuten ließen, da deren Ergebnisse durch einen Selektionsbias wahrscheinlich teilweise verfälscht wurden. RG
Quelle: Bond JC et al.: Potential for selection bias in studies of the association of hormonal contraception and chronic vulvar pain. J Womens Health (Larchmt) 2021; doi: 10.1089/jwh.2020.8857
Urheberrecht: Adobe Stock - nenetus
Das könnte Sie auch interessieren

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

x