Gyn-Depesche 6/2017

Diagnose des Harnwegsinfektes

Ohne U-Stix und Urinkultur?

Urinstreifentests und eine bakteriologische Untersuchung des Mittelstrahlurins gelten als der Goldstandard bei der Diagnose von Harnwegsinfekten (HWI). Aber es gab auch schon immer Bedenken ob der Verlässlichkeit dieser Methoden. Deshalb präferieren viele Autoren bei Verdacht auf HWI eine mikroskopische Untersuchung des Urins mit Zählung der Leukozyten (Pyurie-Nachweis). Ob vielleicht aber auch eine etwas umfangreichere Anamnese ausreicht, um Patientinnen mit HWI zu identifizieren, prüften nun britische Nephrologen mit einem aus 39 Fragen bestehendem HWI-Anamnesebogen.

Zunächst interviewten die Autoren Patientinnen mit einem bekannten LUTS (lower urinary tract symptom/HWI), die in einem tertiären nephrologischen Zentrum vorstellig geworden waren. Die Interviewten sollten so genau wie möglich ihre Probleme und Beschwerden beschreiben, die sie in Zusammenhang mit der urologischen Fragestellung sahen. Aus den Antworten der Patientinnen entwickelten die Forscher dann den aus 39 Fragen bestehenden Fragebogen. Die Fragen gliederten sich in die vier Kategorien „Urinspeicherung“, „Entleerung“, Stressinkontinenz“ und „Schmerz“. Alle Fragen mussten dichotom mit ja oder nein beantwortet werden:
  • Drangsymptome oder Dranginkontinenz generell, und speziell beim Öffnen der Haustür mit dem Schlüssel, morgendlich, beim Hören von Wassergeplätscher, oder in Kälte?
  • Stressinkontinenz, z. B. bei Niesen, Sport, Lachen, Bücken, oder ohne speziellen Grund?
  • Entleerungssymptomatik, z. B. verzögerter Start des Urinstrahls, dünner oder intermittierender Harnstrahl, Notwendigkeit zum Pressen, Nachtröpfeln, Restharn?
  • Schmerzsymptome, z. B. suprapubisch, bei Blasenfüllung, bei Blasenentleerung, nach Blasenentleerung, Schmerzbesserung beim Wasserlassen, Flankenschmerz, abdominelle Schmerzen?
Danach wurde der Fragebogen 2050 Patientinnen mit Verdacht auf HWI vorgelegt und bei allen eine mikroskopische Harnuntersuchung durchgeführt. Es zeigte sich, dass die Antworten das Vorhandensein eines HWI (=mikroskopische Pyurie) verlässlich vorhersagten (ermittelt über unterschiedliche statistische Verfahren wie „internal consistency“, „test-retest reliability“ und „inter-observer reliability“). Auch wenn der Nachweis einer Pyurie eigentlich nur ein Surrogat für einen HWI darstellt, so ist er doch das valideste Verfahren, was aktuell verfügbar ist.
Eine spannende Nebenerkenntnis war, dass Entleerungssymptome bei Frauen mit HWI generell häufig vorkamen, während Schmerzen eher in fortgeschrittenen HWI-Stadien eine Rolle zu spielen scheinen. „Wir sollten eine ausführliche Anamnese durchführen und die Patientin untersuchen, und die diagnostische Entscheidung nicht an einen einzelnen Labortest deligieren“, so das Fazit der Autoren. CB

Quelle:

Khasriya R et al.: Lower urinary tract symptoms that predict microscopic pyuria. Int Urogynecol J 2017; doi: 10.1007/s00192-017-3472-7



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