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Zwillingsschwangerschaften

Gyn-Depesche 5/2021

Wie gefährlich ist eine Wachstumsdiskordanz?

In Zwillingsschwangerschaften stellt ein diskordantes Wachstum der beiden Feten einen Risikofaktor für einen ungünstigen Schwangerschaftsverlauf sowie neonatale Komplikationen dar. Wie groß die Gefahr hierfür ist, hängt jedoch vom Zeitpunkt und der Dynamik der Wachstumsdiskrepanz ab.
Zu diesem Schluss kommen kanadische Forscher nach Auswertung der Daten von 1.059 Zwillingsschwangerschaften, die zwischen 2011 und 2020 an einer Klinik in Toronto betreut worden waren. Von allen Feten lagen sonographische Biometriedaten von mindestens drei Untersuchungszeitpunkten vor. Die Kinder von 599 Schwangeren (57 %) entwickelten sich ohne wesentliche Wachstumsdiskrepanz (< 10 %). Sie bildeten das Referenzkollektiv. In 23 Fällen (2 %) stellten die Wissenschaftler eine früh eingetretene (vor 24. SSW) und progrediente Wachstumsdiskrepanz (Diskordanz ≥ 10 % mit wöchentlicher Zunahme um ≥ 0,5 %) fest. In weiteren 160 Fällen (15 %) stabilisierte sich eine vor der 24. SSW aufgetretene Wachstumsdiskrepanz im weiteren Schwangerschaftsverlauf und in 277 Fällen (26 %) trat die Wachstumsdiskrepanz erst nach 24 SSW auf.
 
Höheres Risiko für Präeklampsie und Frühgeburt
Im Vergleich zum Referenzkollektiv hatten die Schwangeren mit frühzeitiger und progredienter fetaler Wachstumsdiskrepanz ein um den Faktor 3,4 erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt vor der 34. SSW und ein um den Faktor 5,8 erhöhtes Präeklampsierisiko. In den Schwangerschaften mit frühzeitiger aber im Verlauf stabiler Wachstumsdiskordanz stiegen das Frühgeburts- und Präeklampsierisiko um den Faktor 1,8 bzw. 2,1. Die Schwangeren mit spät aufgetretener fetaler Wachstumsdiskordanz hatten weder ein erhöhtes Frühgeburts- noch ein erhöhtes Präeklampsierisiko. Abschließend prüften die Forscher, inwiefern sich anhand einer einzelnen Messung hinsichtlich Wachstumsdiskrepanz mit 32 SSW der weitere Schwangerschaftsverlauf vorhersagen lässt. Das Ergebnis: Bezüglich des Endpunkts „Präeklampsie“ bestand kein und bezüglich des Endpunkts „Frühgeburt vor der 34. SSW“ nur ein schwacher Zusammenhang.
Eine Einzelmessung einer fetalen Wachstumsdiskrepanz in Zwillingsschwangerschaften sagt kaum etwas über das Frühgeburts- und Präeklampsierisiko aus, so das Fazit der Forscher. Um diese Gefahren besser abschätzen zu können, muss man das Wachstumsmuster der Kinder über einen längeren Zeitraum beobachten: Offenbar besteht zwischen den vier verschiedenen Wachstumsmustern und einem ungünstigen Schwangerschaftsverlauf eine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Weitere Studien müssen nun diese Beobachtungen bestätigen, mit Doppler- und histopathologischen Plazentabefunden korrelieren und potenzielle Interventionsoptionen prüfen. LO
Quelle: Hiersch L et al.: Patterns of discordant growth and adverse neonatal outcomes in twins. Obstet Gynecol 2021; 225(2): 187.e1-187
ICD-Codes: O30.0
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